Morgen präsentierst du eine Empfehlung. Die Zahlen sind geprüft, die offenen Fragen benannt, die Unterlagen verständlich. Am Abend gehst du trotzdem noch einmal alles durch. Du verschiebst eine Überschrift, ergänzt eine Folie und suchst nach einem Einwand, den bisher niemand erhoben hat. Als du endlich aufhörst, ist es spät. Ob du ausreichend vorbereitet bist, weißt du immer noch nicht.
Vielleicht erkennst du etwas davon wieder. Besonders aufschlussreich ist der Moment, in dem die eigentliche Aufgabe bereits erfüllt ist und du dennoch weiterarbeitest. Was soll die zusätzliche Stunde jetzt noch leisten?
Beim Imposter-Muster kann Vorbereitung die Hoffnung enthalten, jede mögliche Blöße zu verhindern. Damit bekommt eine Arbeitsaufgabe eine persönliche Bedeutung: Wer gut genug vorbereitet ist, wird hoffentlich nicht als unzulänglich erkannt. Die fachlichen Anforderungen haben meist einen überprüfbaren Umfang. Diese Hoffnung hat ihn kaum.
Wie solche Selbstzweifel mit der Bewertung eigener Kompetenz zusammenhängen, erklärt der Leitartikel zum Imposter-Syndrom. Hier geht es um die Frage, wie du sorgfältig arbeiten und zu einem begründeten Abschluss kommen kannst.
Wie hängen Imposter-Syndrom und Perfektionismus zusammen?
Hohe Ansprüche allein erklären den Zusammenhang nur unzureichend. In einer Onlinebefragung von 274 Personen untersuchten Sophie Pannhausen, Kristina Klug und Sonja Rohrmann verschiedene Aspekte des Perfektionismus. Imposter-Gefühle standen besonders eng mit Fehlerangst und Zweifeln an den eigenen Handlungen in Zusammenhang. Persönliche Leistungsstandards waren deutlich schwächer damit verbunden. Auch die Vorstellung, andere erwarteten Perfektion, spielte eine Rolle.
Die Studie erfasste Selbstauskünfte zu einem Zeitpunkt; knapp zwei Drittel der Befragten studierten. Sie zeigt Zusammenhänge und erlaubt keine Aussage darüber, was im Einzelfall Ursache oder Folge ist. Für die persönliche Reflexion lohnt sich deshalb die Frage, welche Bedeutung ein Fehler für dich hätte. [1]
Bei der angenommenen Präsentation könnte eine fehlende Zahl bedeuten, dass du etwas nachreichst. In deiner Befürchtung bedeutet sie vielleicht, dass alle an deiner gesamten Eignung zweifeln. Zwischen diesen beiden Bedeutungen liegt viel von dem Druck, den zusätzliche Vorbereitung abfangen soll.
Wann Vorbereitung hilfreich ist und wann sie zur Absicherung wird
Eine weitere Prüfung kann notwendig sein. Vielleicht haben sich Daten geändert oder eine Kollegin weist auf einen tatsächlichen Widerspruch hin. Du kannst dann benennen, was geprüft werden muss und woran du erkennst, dass es geklärt ist.
Schwieriger wird es, wenn das Ende der Arbeit davon abhängt, dass du dich vollkommen sicher fühlst. Nach einer Kontrolle fällt dir ein neuer möglicher Einwand ein. Nach der nächsten beruhigenden Rückmeldung fragst du dich, ob die andere Person überhaupt genau genug hingesehen hat. Die Arbeit bekommt kein verlässliches Ende.
Die folgende Unterscheidung ist eine praktische Orientierung für deine eigene Beobachtung.
| Prüffrage | Vorbereitung mit erkennbarem Nutzen | Mögliche emotionale Absicherung |
|---|---|---|
| Was soll die nächste Prüfung klären? | Eine konkrete fachliche Frage. | Ob wirklich niemand etwas auszusetzen haben könnte. |
| Was verändert sich durch eine weitere Rückmeldung? | Du erhältst eine fehlende Information. | Du fühlst dich kurz beruhigt und fragst bald erneut. |
| Woran erkennst du den Abschluss? | Die vereinbarten Anforderungen sind erfüllt. | Du wartest darauf, dass sich alles sicher anfühlt. |

Die Grafik veranschaulicht eine Reflexionshilfe. Dieselbe Handlung kann je nach Aufgabe einen anderen Zweck erfüllen.
Du musst dich dabei keiner Seite vollständig zuordnen. Ein Gespräch kann dir zugleich eine wichtige Information und etwas Beruhigung geben. Interessant wird es dort, wo du wiederholst, was fachlich bereits geklärt ist.
Übervorbereitung und Aufschieben können zusammen auftreten
In unserem Beispiel beginnt die Person möglicherweise erst spät mit der Präsentation. Sie beantwortet vorher E-Mails, sortiert Unterlagen und wartet auf einen ruhigen Moment. Sobald sie sich an die Aufgabe setzt, arbeitet sie bis weit in den Abend.
Hier wäre folgende Erklärung denkbar: Solange sie nicht beginnt, muss sie sich auch nicht mit der befürchteten Bewertung beschäftigen. Später versucht sie, jede mögliche Schwäche durch zusätzlichen Aufwand auszugleichen. Aufschieben und Übervorbereitung können so bei derselben Aufgabe vorkommen.
Ob diese Erklärung auf dich zutrifft, lässt sich aus einem vollen Kalender nicht ablesen. Aufschub kann ebenso mit Erschöpfung, fehlenden Informationen oder einer unklaren Priorität zusammenhängen. Schau deshalb auf den konkreten Moment vor dem Ausweichen. Was hast du gerade gedacht? Welche Stelle der Aufgabe schien unangenehm? Was wurde leichter, als du stattdessen etwas anderes erledigt hast?
Falls die Unsicherheit erst seit einer Beförderung oder einem Rollenwechsel deutlich zugenommen hat, hilft auch eine Klärung der neuen Erwartungen. Darum geht es im Artikel Neue Rolle, alte Selbstzweifel.
Übervorbereitung begrenzen: Fünf Schritte zum Abschließen
Um Übervorbereitung zu begrenzen, wähle für die folgende Arbeitsvereinbarung eine überschaubare Aufgabe, etwa eine interne Zusammenfassung oder eine gewöhnliche Besprechungsvorbereitung. Bei Aufgaben mit vorgeschriebenen Prüfungen gehören diese selbstverständlich zu den Anforderungen. Die Vereinbarung soll dir helfen, einen angemessenen Arbeitsumfang festzulegen.
1. Beschreibe das benötigte Ergebnis vor dem Beginn
Schreibe auf, wofür die Arbeit gebraucht wird. Bei einer Entscheidungsvorlage könnte das lauten: „Meine Führungskraft soll zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden können. Dafür braucht sie die Kosten, die wichtigsten Annahmen und meine begründete Empfehlung.“
Lege dazu wenige überprüfbare Qualitätskriterien fest. „Professionell wirken“ lässt sich endlos weiterverfolgen. „Beide Optionen anhand derselben Kriterien vergleichen“ lässt sich prüfen. Falls dir die Erwartungen unklar sind, frage vorab nach dem benötigten Umfang.
2. Plane eine fachlich passende Kontrolle
Bestimme, was kontrolliert werden muss und wer bei Bedarf draufschaut. Beispielsweise prüfst du die Berechnung gegen die Datenquelle und bittest eine Kollegin um Rückmeldung zu einer offenen Annahme.
Halte fest, welche Frage sie beantworten soll. „Ist das eh gut?“ lässt viel Raum für eine Rückversicherung, die bald wieder ungenügend erscheint. „Ist diese Annahme für unseren Planungszeitraum nachvollziehbar?“ gibt euch beiden einen konkreten Auftrag.
3. Lege einen nachvollziehbaren Endpunkt fest
Deine Vereinbarung könnte lauten: „Ich schließe ab, sobald die Kriterien erfüllt und die vorgesehenen Prüfungen erledigt sind. Wenn neue fachliche Informationen auftauchen, bewerte ich sie.“
Plane dafür einen realistischen Zeitraum. Eine zu knappe Frist würde nur zusätzlichen Druck erzeugen. Wenn du nach dem Prüfpunkt weiterarbeiten möchtest, notiere zuerst, welcher konkrete Mangel noch besteht. So kannst du entscheiden, ob weitere Arbeit erforderlich ist oder gerade die Sorge vor dem Abschließen laut wird.
4. Beobachte, was beim Abschließen passiert
Vielleicht spürst du nach dem Versenden Unruhe und möchtest die Datei sofort erneut öffnen. Notiere den Gedanken möglichst wörtlich. „Bestimmt habe ich die wichtigste Frage übersehen“ ist genauer als „Ich bin eben perfektionistisch“.
Gib dir einen Moment, bevor du handelst. Spüre den Kontakt deiner Füße zum Boden und lass deinen Atem ruhig werden. Prüfe dann, ob du tatsächlich eine neue Information hast. Ein noch vorhandenes Unsicherheitsgefühl muss nicht automatisch eine weitere Kontrollrunde auslösen.
5. Vergleiche später Befürchtung und Ergebnis
Was hast du erwartet, was ist eingetreten und welche Rückmeldung hast du erhalten? Falls ein Fehler aufgetaucht ist, untersuche seine tatsächlichen Folgen. Vielleicht war eine Korrektur nötig. Vielleicht war eine Rückfrage Teil der normalen Zusammenarbeit.
Auch ein gutes Ergebnis verdient eine vollständige Einordnung. Wenn du es sofort mit Glück erklärst, bleibt von der Erfahrung wenig für die nächste Aufgabe übrig. Eine passende Übung findest du im Beitrag über Lob annehmen und eigene Erfolge anerkennen.
Angst vor Fehlern: Wenn dieselbe Befürchtung wiederkehrt
Manchmal ist die Arbeitsvereinbarung auf dem Papier klar und das Abschließen bleibt trotzdem schwer. Dann lohnt sich ein Blick auf den Satz, der innerlich dahintersteht. Vielleicht lautet er: „Sobald ich etwas übersehe, verlieren andere ihren Respekt.“ Oder: „Ich darf erst sichtbar werden, wenn ich alles beherrsche.“
In meinem Coaching beginnen wir mit einer solchen konkreten Situation. Wir untersuchen, welche inneren Bilder auftauchen, welche Gefühle sie auslösen und welche Überzeugung darin zum Ausdruck kommt. Mit NLP können wir an blockierenden Glaubenssätzen und inneren Vorstellungen arbeiten. Wenn alte negative Emotionen mit der heutigen Reaktion verbunden sind, kann Time Line Therapy® Teil der Arbeit sein, um diese Emotionen gehen zu lassen.
Der Alltag bleibt dabei der Bezugspunkt. Wir legen gemeinsam fest, woran du eine Veränderung bemerken möchtest. Vielleicht kannst du eine Rückfrage stellen, ohne deine Eignung infrage zu stellen. Vielleicht gelingt es dir, eine erfüllte Aufgabe abzuschließen und den Abend wieder für dich zu haben.
Wenn du dieses Muster gezielt bearbeiten möchtest, findest du Ablauf und Rahmen im Fokusprogramm zum Imposter-Syndrom.
Drei Fragen für deine nächste Aufgabe
- Welche konkrete Verbesserung erwarte ich von der nächsten zusätzlichen Arbeitsstunde?
- Welche Reaktion anderer möchte ich durch vollständige Vorbereitung ausschließen, und wie realistisch ist dieser Anspruch?
- Woran würde eine fachkundige Person erkennen, dass meine Arbeit fertig ist, wenn sie mein Unsicherheitsgefühl nicht kennen würde?
