Du hast die Beförderung angenommen. Im Kalender stehen jetzt Gespräche, die du selbst führen sollst, und Entscheidungen, für die andere auf deine Einschätzung warten. Nach außen ist der nächste berufliche Schritt längst passiert. Innerlich fragst du dich, wie lange es dauert, bis jemand merkt, dass du vieles noch herausfinden musst.
Ähnlich kann es beim Schritt in die Selbstständigkeit sein. Du kennst dein Fach, hast Erfahrung und ein durchdachtes Angebot. Sobald dein Name darübersteht, fühlt sich jede Anfrage wie eine Prüfung an. Bei einem Vortrag reicht vielleicht eine unbeantwortete Frage, damit die Vorbereitung und alle gelungenen Antworten aus deiner eigenen Bewertung verschwinden.
An solchen beispielhaften Situationen lässt sich eine wichtige Frage bei beruflichen Übergängen untersuchen: Was fehlt mir für diese Aufgabe tatsächlich, und was glaube ich über mich, weil sich die Aufgabe noch ungewohnt anfühlt?
Selbstzweifel in der neuen Rolle: Imposter-Gefühle und Lernbedarf
Beim Imposter-Muster passt das eigene Urteil häufig schlecht zu dem, was die bisherige Leistung erkennen lässt. Der Gedanke lautet etwa, bei der Auswahl überschätzt worden zu sein oder die bisherige Kompetenz nur überzeugend dargestellt zu haben. Einen Überblick über das Muster findest du im Leitartikel zum Überwinden des Imposter-Syndroms.
In einer neuen Rolle kommt tatsächlicher Lernbedarf hinzu. Du kannst fachlich erfahren sein und gleichzeitig zum ersten Mal ein Team führen. Du kannst dein Angebot beherrschen und noch wenig Übung mit Verkaufsgesprächen haben. Eine Fähigkeit überträgt sich nicht automatisch auf jede neue Aufgabe.
Aus dieser Lücke wird ein persönliches Urteil, wenn du denkst: „Wer hier wirklich hingehört, müsste das längst können.“ Damit setzt du dir einen Maßstab, der kaum Raum für Einarbeitung lässt.
Die Salzburger Forscherinnen Mirjam Neureiter und Eva Traut-Mattausch untersuchten 212 Studierende und 110 Berufstätige. Bei den Berufstätigen gingen stärkere Imposter-Gefühle mit weniger Karriereplanung, geringerem Karrierestreben und geringerer Führungsmotivation einher. Sie arbeiteten im Verkauf und Sicherheitsbereich eines Flughafens. Bei den Studierenden zeigte sich ebenfalls ein Zusammenhang mit Karriereplanung und Führungsmotivation; für das Karrierestreben ergab sich jedoch kein einheitliches Bild. Die Querschnittsdaten belegen nicht, dass eine Beförderung Imposter-Gefühle verursacht oder Selbstzweifel eine Führungskarriere zwangsläufig verhindern. [1]
Selbstzweifel im Beruf einordnen: Drei Fragen zur neuen Rolle
Um Selbstzweifel im Beruf einzuordnen, empfehle ich, drei Bereiche getrennt anzuschauen. Diese Einteilung ist eine praktische Orientierung. Mehrere Bereiche können gleichzeitig eine Rolle spielen.

Eigene Orientierungshilfe für die Rollenklärung. Die Bereiche können sich überschneiden; die Grafik ist kein diagnostisches Instrument.
1. Welche Fähigkeit oder Information fehlt dir konkret?
„Ich bin keine gute Führungskraft“ ist so umfassend, dass du kaum darauf reagieren kannst. „Ich habe noch kein Gespräch über wiederholt versäumte Termine geführt“ bezeichnet eine konkrete Aufgabe. Dafür kannst du dir eine Struktur erarbeiten, das Gespräch vorbereiten und eine erfahrene Person um Rückmeldung bitten.
Prüfe auch, ob dir Wissen fehlt oder nur eine Information. Wer einen internen Entscheidungsweg nicht kennt, braucht möglicherweise zehn Minuten Erklärung. Daraus lässt sich wenig über die eigene fachliche Eignung ableiten.
Bei der Selbstständigkeit kann die entsprechende Frage lauten, ob du dein Honorar verständlich erklären kannst. Das lässt sich üben. Die Sorge, grundsätzlich nichts verlangen zu dürfen, braucht eine zusätzliche Auseinandersetzung mit deiner inneren Bewertung.
2. Welche Erwartungen und Bedingungen sind tatsächlich gegeben?
Eine neue Position kann unklar zugeschnitten sein. Vielleicht sollst du Verantwortung übernehmen, hast aber keine Entscheidungsbefugnis. Vielleicht erwartet die Geschäftsführung mehr Tempo, während sie jede Entscheidung erneut prüfen will. Oder dir fehlen Informationen, die andere selbstverständlich erhalten.
Solche Bedingungen verdienen eine sachliche Prüfung. Feenstra und Kolleginnen und Kollegen argumentieren in einem theoretischen Perspektivbeitrag dafür, bei Imposter-Gefühlen auch den sozialen und organisatorischen Kontext zu berücksichtigen. Sie diskutieren unter anderem Stereotype, Zugehörigkeit und ungleiche Behandlung. Der Beitrag enthält keine eigene Datenerhebung, erweitert aber den Blick auf mögliche Ansatzpunkte. [2]
Für deine Rollenklärung bedeutet das: Notiere beobachtbare Vorgänge, bevor du ihnen eine Erklärung gibst. „Die Projektziele wurden dreimal geändert“ ist überprüfbar. „Ich stelle mich einfach zu empfindlich an“ enthält bereits ein Urteil über dich.
3. Welche Schlussfolgerung ziehst du über dich selbst?
Angenommen, eine Kollegin fragt nach der Grundlage deiner Entscheidung. Du kannst die Daten erklären. Trotzdem beschäftigt dich am Abend vor allem der Gedanke, sie halte dich für ungeeignet. Dann lohnt sich die Frage, welche Bedeutung du der Rückfrage gegeben hast.
Vielleicht lautet eine innere Regel: „Wer kompetent ist, wird nicht hinterfragt.“ Oder du glaubst, andere dürften deine Unsicherheit auf keinen Fall bemerken. Solche Regeln können auch nach einer sachlichen Klärung weiterwirken.
Eine Onlinebefragung mit 209 Personen fand einen Zusammenhang zwischen Imposter-Gefühlen und der Überzeugung, andere erwarteten Perfektion von einem. Erfasst wurden die angenommenen Erwartungen, nicht die tatsächlichen Ansprüche von Vorgesetzten oder Kollegen. [3] Diese Unterscheidung hilft im Alltag: Eine Erwartung, die du vermutest, solltest du zunächst als Vermutung behandeln.
Rollenklärung im Beruf: Vier Schritte für den Einstieg
Nimm eine konkrete Situation aus den kommenden Tagen. Dafür eignen sich etwa dein erstes Budgetgespräch, eine Präsentation vor der Geschäftsführung oder ein Angebot, das du versenden möchtest. Plane ungefähr 20 Minuten für die Vorbereitung.
Schritt 1: Beschreibe den Auftrag in einem Satz
Schreibe auf, welches Ergebnis du herstellen sollst. „Ich muss überzeugend wirken“ ist schwer zu beurteilen. „Die Teilnehmenden sollen zwischen zwei Vorschlägen entscheiden können“ gibt dir dagegen eine Arbeitsgrundlage.
Ergänze, welche Entscheidung bei dir liegt und wofür du eine Freigabe brauchst. Wenn du das nicht beantworten kannst, hast du bereits einen Punkt für das nächste Gespräch gefunden.
Schritt 2: Trenne bekannte Anforderungen von eigenen Annahmen
Teile ein Blatt in zwei Spalten. Links stehen ausdrücklich vereinbarte Anforderungen. Rechts notierst du, was du zusätzlich von dir verlangst. Dort könnte stehen, dass du jede Detailfrage sofort beantworten oder alle Anwesenden überzeugen musst.
Gehe die rechte Spalte einzeln durch. Welche Annahme ist fachlich begründet? Welche möchtest du überprüfen? Welche würdest du einer Person in derselben Einarbeitungsphase niemals auferlegen?
Schritt 3: Hole dir eine konkrete Vereinbarung
Ein Erwartungsgespräch wird ergiebiger, wenn du nach Ergebnissen, Prioritäten und Zuständigkeiten fragst. Je nach Situation helfen diese Formulierungen:
„Welche zwei Ergebnisse sollen in den ersten acht Wochen vorliegen, und was kann bis danach warten?“
„Welche Entscheidungen treffe ich eigenständig, und bei welchen möchten Sie vorher einbezogen werden?“
„Für diese Aufgabe brauche ich Zugang zu den bisherigen Zahlen. Wer kann mir den ermöglichen?“
Wenn Anforderungen widersprüchlich sind, benenne die Abwägung: „Mit der vorhandenen Zeit kann ich A bis Freitag fertigstellen oder A und B bis Dienstag. Was hat Vorrang?“ So wird besprechbar, welche Leistung unter den gegebenen Bedingungen möglich ist.
Schritt 4: Frage nach Verhalten und Ergebnissen
Die Frage „War das okay?“ lädt zu einer allgemeinen Beruhigung ein. Aussagekräftiger ist zum Beispiel:
„An welcher Stelle war meine Entscheidungsgrundlage klar, und welche Information hat Ihnen gefehlt?“
Halte hilfreiche Rückmeldungen möglichst konkret fest. Wenn du positive Aussagen sofort relativierst, findest du im Artikel über Lob und das Anerkennen eigener Erfolge eine Übung dazu. Zusätzliche Vorbereitung lässt sich dagegen im Beitrag über Imposter-Syndrom und Perfektionismus genauer prüfen.
Verantwortung übernehmen, während noch Fragen offen sind
Führung bedeutet auch, die richtigen Menschen einzubeziehen und mit unvollständigen Informationen vernünftig umzugehen. Eine verantwortliche Antwort kann deshalb lauten: „Diese Zahl möchte ich prüfen. Sie bekommen meine Einschätzung morgen bis zwölf.“ Anschließend hältst du die Zusage ein.
Für einen Vortrag gilt etwas Ähnliches. Du darfst den Umfang deiner Expertise klar benennen. In der Selbstständigkeit kannst du beschreiben, welche Aufgabe dein Angebot abdeckt und wo seine Grenzen liegen. Solche Aussagen geben deinem Gegenüber Orientierung und machen deine Verantwortung nachvollziehbar.
Warte deshalb bei einer überschaubaren Aufgabe nicht zwingend auf vollständige innere Sicherheit. Vereinbare einen angemessenen nächsten Schritt und beobachte anschließend, was tatsächlich passiert ist. Welche Frage wurde gestellt? Wie hast du reagiert? Was musst du nachholen? Die Antworten sind nützlicher als ein pauschales Urteil über deine Eignung.
Wenn du deine Rolle verstehst und dich trotzdem klein fühlst
Manchmal sind Auftrag, Fähigkeiten und Rückmeldungen längst geklärt. Dennoch fühlt sich jede sichtbare Verantwortung wie eine drohende Entlarvung an. Dann kann es sinnvoll sein, die emotionale Bedeutung dieser Situationen genauer zu bearbeiten.
In meine Arbeit als psychosozialer Berater und Coach fließen über 15 Jahre Erfahrung in Pricing, Vertrieb und Management ein. Wir können sowohl deine berufliche Situation als auch die persönlichen Muster betrachten, mit denen du auf sie reagierst.
Im Fokusprogramm zum Imposter-Syndrom arbeiten wir an den Glaubenssätzen, inneren Bildern und emotionalen Bewertungen, die für dich relevant sind. Je nach Anliegen können NLP, Time Line Therapy® oder die körperbezogene Wahrnehmung im mBIT dazugehören. Ziel kann sein, alte negative Emotionen gehen zu lassen und deine Kompetenz auch im eigenen Erleben anzuerkennen. Den Alltagstransfer machen wir an konkreten Situationen fest, etwa einer Rückfrage im Meeting oder dem Aussprechen deines Honorars.
Drei Fragen für deine nächste berufliche Entscheidung
- Welche konkrete Fähigkeit würde mir gerade helfen, und welche zusätzliche Gewissheit versuche ich vergeblich zu erreichen?
- Welche Erwartung habe ich tatsächlich gehört, und welche unterstelle ich meinem Gegenüber?
- Was würde ich übernehmen oder aussprechen, wenn mein Lernbedarf meine bisherige Kompetenz nicht entwerten würde?
