Die Abschlussmail liegt in deinem Postfach. Der Kunde bedankt sich ausdrücklich für die klare Abstimmung und die verlässliche Übergabe. Du liest die Nachricht zweimal. Dann antwortest du, das Team habe es dir leicht gemacht und die Zusammenarbeit sei diesmal besonders unkompliziert gewesen. Dass du über Wochen offene Fragen geklärt und den Überblick behalten hast, erwähnst du mit keinem Wort.

In diesem Beispiel bekommt der eigene Beitrag kaum Platz in der Geschichte, die du dir über das Ergebnis erzählst. Beim Imposter-Syndrom kann genau das zum Problem werden. Wenn Lob innerlich kaum zählt, liefert selbst eine Reihe guter Leistungen wenig Sicherheit für die nächste Aufgabe.

Lob anzunehmen beginnt damit, eine Rückmeldung stehen zu lassen und den eigenen Anteil am Ergebnis vollständig zu betrachten. Du musst dabei weder Begeisterung vorspielen noch alles allein geschafft haben.

Warum fällt es beim Imposter-Syndrom schwer, Lob anzunehmen?

Beim Annehmen von Lob lohnt eine Unterscheidung: Eine gelungene Arbeit und ihre persönliche Bedeutung sind zwei verschiedene Dinge. Die Arbeit ist abgeschlossen, der Auftraggeber zufrieden. Was du daraus über dich ableitest, bleibt zunächst offen.

Vergleiche diese beiden möglichen Einordnungen einer erfolgreichen Projektübergabe.

„Zum Glück haben alle mitgezogen. Allein hätte ich das nie geschafft.“

„Das Team hat verlässlich gearbeitet. Ich habe die Zuständigkeiten geklärt, widersprüchliche Anforderungen angesprochen und dafür gesorgt, dass offene Punkte rechtzeitig entschieden wurden.“

Beide Beschreibungen würdigen das Team. Die zweite enthält zusätzlich konkrete Handlungen der Person, die koordiniert hat. Erst dadurch wird erkennbar, was sie in ein weiteres Projekt mitbringen kann.

Eine Studie von Ibrahim, Göddertz und Herzberg untersuchte diesen Zusammenhang in einem Onlineexperiment mit 170 Erwachsenen. Nach einem Test erhielten die Teilnehmenden zufällig eine positive oder negative Leistungsrückmeldung. Bei positiver Rückmeldung gingen stärkere Imposter-Ausprägungen mit einer geringeren Zuschreibung des Ergebnisses an die eigene Person einher. Die Stichprobe bestand überwiegend aus Studierenden. Das Experiment stützt damit einen bestimmten Zusammenhang zwischen Imposter-Gefühlen und Erfolgsbewertung; es bildet keine echte berufliche Leistungssituation ab und erklärt nicht jede persönliche Reaktion auf Lob. Zur Originalstudie

Für deine eigene Beobachtung ergibt sich daraus eine brauchbare Frage. Welche Information über meine Fähigkeiten lasse ich in meiner Erklärung weg?

Den größeren Zusammenhang zwischen Erfolgsabwertung, Leistungsdruck und der Angst aufzufliegen findest du im Leitartikel zum Imposter-Syndrom.

Eigene Erfolge kleinreden: Drei typische Sätze

„Das war doch nichts Besonderes“

Vielleicht war eine Aufgabe für dich tatsächlich leicht. Du hast sofort erkannt, welche Kennzahl fehlt, wo das Gespräch feststeckt oder wie sich ein komplizierter Sachverhalt erklären lässt. Daraus folgt noch nicht, dass deine Arbeit unbedeutend war.

Frag dich, weshalb du so schnell weiterwusstest. Hast du ähnliche Situationen schon erlebt? Kennst du das Fachgebiet seit Jahren? Hast du aufmerksam zugehört? Etwas kann für dich vertraut sein und für andere einen erheblichen Unterschied machen. Die Leichtigkeit gehört dann zur Beschreibung deiner Erfahrung.

„Ich habe mich ja auch ewig vorbereitet“

Wie viel Vorbereitung eine Aufgabe gebraucht hat, ist eine sinnvolle Frage. Sie beantwortet aber nicht automatisch die Frage nach deiner Kompetenz. Auch die Auswahl relevanter Informationen, eine gute Struktur und das Erkennen kritischer Punkte sind Leistungen.

Du kannst gleichzeitig anerkennen, dass deine Vorbereitung zum Erfolg beigetragen hat, und prüfen, ob du dafür zu viel Zeit aufgewendet hast. Wenn du erst nach unzähligen Kontrollen abgeben kannst, lohnt sich der genauere Blick auf Imposter-Syndrom und Perfektionismus.

„Die wollten einfach nett sein“

Eine allgemeine Höflichkeitsformel muss keine umfassende Leistungsbeurteilung sein. Eine konkrete Rückmeldung verdient allerdings eine konkrete Prüfung. Wenn jemand beschreibt, weshalb deine Erklärung hilfreich war, enthält das mehr Information als ein beiläufiges „Super“.

Du könntest einmal nachfragen, welcher Teil besonders verständlich war. Damit erfährst du etwas über die Wirkung deiner Arbeit. Wenn du anschließend auch die genauere Antwort sofort entkräftest, beobachte diesen Schritt. Welche zusätzliche Auskunft würdest du noch benötigen? Und würde sie in deiner Bewertung überhaupt etwas ändern?

Infografik zum Imposter-Syndrom: Ein Projekt wird termingerecht abgeschlossen, doch die spontane Erklärung „Das lag am Team“ blendet den eigenen Beitrag aus. Eine vollständige Einordnung nennt den realistischen Zeitplan, die Arbeit des Teams und eigene Entscheidungen bei Prioritäten und Koordination.

Eine vollständige Erfolgsbeschreibung berücksichtigt deinen Beitrag ebenso wie Unterstützung und günstige Umstände. Die Grafik zeigt ein redaktionelles Reflexionsmodell.

Eigene Erfolge anerkennen: Eine Übung in fünf Schritten

Für diese Übung zum Anerkennen eigener Erfolge nimm dir eine abgeschlossene Aufgabe der letzten zwei Wochen vor. Wähle etwas Überschaubares, bei dem du eine Rückmeldung oder ein erkennbares Ergebnis hast. Ein geklärtes Gespräch reicht. Du brauchst keinen außergewöhnlichen Karriereschritt.

Plane etwa zehn Minuten für die folgende Übung ein und schreibe die Antworten auf.

1. Halte das Ergebnis fest

Beschreibe zunächst nur, was beobachtbar geschehen ist. Beispielsweise hat das Team nach deinem Gespräch eine Zuständigkeit festgelegt. Oder dein Vorschlag wurde übernommen, weil er eine offene Anforderung erfüllt hat.

Vermeide an dieser Stelle sowohl Eigenlob als auch Abwertung. „Ich habe die Kundin begeistert“ ist weniger genau als „Die Kundin hat sich für die vorgeschlagene Lösung entschieden und ausdrücklich die verständliche Erklärung gelobt“.

2. Rekonstruiere deinen Beitrag

Gehe gedanklich vom Ergebnis zurück zum Beginn. Was hast du wahrgenommen, entschieden, vorbereitet, angesprochen oder überprüft? Schreibe mindestens zwei Handlungen auf, die du tatsächlich ausgeführt hast.

Bleibe bei Verben. „Ich bin kompetent“ lässt sich innerlich leicht bestreiten. „Ich habe zwei widersprüchliche Anforderungen erkannt und vor der Freigabe geklärt“ lässt sich genauer prüfen. Benenne anschließend, welche Fähigkeit diese Handlung gebraucht hat.

3. Ergänze Unterstützung und Rahmenbedingungen

Wer hat mitgearbeitet? Welche Vorlagen, Kontakte oder zeitlichen Spielräume standen zur Verfügung? Vielleicht war auch Glück dabei. Nimm diese Faktoren ausdrücklich auf.

Verteile keine künstlichen Prozentwerte. In gemeinsamer Arbeit lässt sich der Anteil einzelner Personen oft nicht sauber berechnen. Für diese Übung genügt es, dass dein Beitrag neben den anderen Beiträgen sichtbar bleibt.

4. Vergleiche die vollständige Beschreibung mit deinem ersten Gedanken

Schreibe jetzt den Satz auf, der dir unmittelbar nach dem Erfolg durch den Kopf ging. Prüfe, was darin fehlt. Steht dort nur das Glück? Taucht dein Team auf, während deine Koordination verschwindet? Wird eine gelungene Leistung durch einen kleinen Fehler vollständig entwertet?

Formuliere einen Satz, den du sachlich vertreten kannst. Beispielsweise „Die gute Datenbasis hat mir geholfen. Ich habe daraus eine verständliche Empfehlung entwickelt und die offenen Fragen geklärt.“ Du darfst dich dabei noch unsicher fühlen. Die Beschreibung soll überprüfbar sein.

5. Nimm eine Information in die nächste Aufgabe mit

Überlege, was sich aus dieser Erfahrung wiederverwenden lässt. Vielleicht kannst du komplexe Inhalte gut ordnen. Vielleicht hilft dir eine bestimmte Vorbereitung. Halte genau diese Information fest und lies sie vor einer vergleichbaren Aufgabe nochmals.

Falls du die Übung regelmäßig machst, genügen wenige ausgewählte Situationen. Sie soll deinen Blick ergänzen und braucht kein lückenloses Archiv deiner Leistungen zu werden.

Lob beantworten, ohne dich sofort zu rechtfertigen

Im Gespräch selbst reicht häufig eine kurze, freundliche Antwort. „Danke, das freut mich“ darf stehen bleiben. Wenn dir der Beitrag anderer wichtig ist, kannst du ihn anschließend nennen, ohne deinen eigenen zurückzunehmen.

Bei einem gemeinsamen Projekt wäre etwa diese Antwort passend: „Danke. Ich freue mich, dass die Abstimmung so gut funktioniert hat. Maria hat dafür die fachlichen Grundlagen geliefert, und ich habe die unterschiedlichen Anforderungen zusammengeführt.“

Beobachte danach, ob du innerlich eine Korrektur vorbereitest. Was befürchtest du, wenn dein Gegenüber seine positive Einschätzung behält? Erwartest du, nun jedes Mal dieselbe Leistung bringen zu müssen? Oder fühlt sich sichtbare Freude für dich bereits überheblich an?

Diese Fragen führen zu den Regeln, nach denen du Anerkennung zulässt. Wenn jede positive Rückmeldung sofort neue Anforderungen erzeugt, kann das auch bei einer neuen beruflichen Rolle wichtig werden.

Wenn die sachliche Einordnung emotional nicht ankommt

Möglicherweise kannst du deinen Beitrag präzise beschreiben und spürst trotzdem Unbehagen, sobald jemand ihn würdigt. Für die persönliche Arbeit ist dann interessant, was in diesem Moment auftaucht. Ein inneres Bild vom nächsten Fehler? Der Satz „Jetzt darf ich niemanden enttäuschen“? Eine vertraute Anspannung?

In meinem Fokusprogramm zum Imposter-Syndrom betrachten wir solche konkreten Situationen und das persönliche Muster dahinter. Mit NLP lässt sich beispielsweise an den inneren Bildern und Glaubenssätzen arbeiten, die deine Reaktion begleiten. Bei der Arbeit mit Time Line Therapy® kann es darum gehen, alte negative Emotionen gehen zu lassen, die du mit heutigen Leistungssituationen verbindest. Welche Vorgehensweise passt, ergibt sich aus deinem Anliegen und dem gemeinsamen Gespräch.

Ein persönliches Ziel könnte sein, die nächste Anerkennung anzunehmen, ohne sie anschließend stundenlang zu überprüfen. Wenn du darüber hinaus fast deinen gesamten Wert als Mensch an Leistung misst, führt der Beitrag zu Selbstwert und dem Gefühl, nie gut genug zu sein diese Frage weiter.

Drei Fragen zur persönlichen Reflexion