Im Seminar war vieles klar. Du hast ein Mitarbeitergespräch vorbereitet, eine neue Vorgehensweise ausprobiert und hilfreiches Feedback bekommen. Zurück im Institut warten Rückfragen, eine dringende Einreichung und ein volles Postfach. Für die geplante Veränderung bleibt zunächst wenig Raum.

Damit ein Führungskräftetraining im Alltag ankommt, braucht die Anwendung einen konkreten Platz. Diese Aufgabe betrifft sowohl Teilnehmende als auch diejenigen, die Entwicklungsprogramme gestalten und Arbeitsbedingungen verantworten.

Der Leitartikel zu Coaching in der Wissenschaft verbindet diese Entwicklungsaufgabe mit Führung, Karriere und Zusammenarbeit. Hier geht es darum, ein ausgewähltes Lernziel im Arbeitsalltag umzusetzen.

Führungskräfteentwicklung: Was aktuelle Befragungen über Lernhürden zeigen

In einer 2025 veröffentlichten Gallup-Auswertung nennen 89 Prozent der befragten Personalchefinnen und Personalchefs die Zeit, die neben den laufenden Aufgaben für Weiterbildung fehlt, als größte Hürde ihrer Organisation. 39 Prozent führen Unterstützung durch direkte Vorgesetzte als ein wesentliches Hindernis für Lernen und Entwicklung an. [1]

Die Ergebnisse stehen im Kontext der US-Arbeitswelt und beziehen sich auf Weiterbildung insgesamt. Sie messen weder den Transfer eines bestimmten Führungstrainings noch dessen Wirksamkeit. Sie lenken den Blick aber auf zwei praktische Fragen: Wann kann neues Verhalten erprobt werden, und welche Unterstützung steht dafür zur Verfügung? Ein Programm sollte darauf ebenso konkrete Antworten geben wie auf die Frage nach seinen Inhalten.

Trainingstransfer: Was die Forschung zu Führungskräftetrainings zeigt

Eine ältere Forschungsgrundlage ergänzt diese aktuellen Befragungsdaten: Die Metaanalyse von Lacerenza und Kolleginnen und Kollegen aus 2017 wertete 335 unabhängige Stichproben zu Führungskräftetrainings aus. Sie fand im Mittel positive Ergebnisse für Lernen, Verhaltenstransfer und weitere Ergebnisgrößen. Zu den Merkmalen günstigerer Trainingsgestaltung gehörten Bedarfsanalyse, praktische Übung, Feedback und zeitlich verteilte Einheiten. [2]

Die untersuchten Programme und Messungen waren unterschiedlich. Daraus folgt keine Erfolgsgarantie für ein einzelnes Angebot und kein Nachweis für jede Coachingmethode. Für die Gestaltung lohnt sich jedoch die Verbindung von Lerninhalt, tatsächlicher Anwendung und anschließender Auswertung.

Vor dem Führungskräftetraining ein konkretes Lernziel wählen

„Ich möchte besser führen“ beschreibt eine Richtung, aber noch keinen beobachtbaren Fortschritt. Hilfreicher ist eine konkrete Situation, die in deinem Alltag wiederkehrt. Vielleicht enden Aufgabenübergaben mit unterschiedlichen Erwartungen. Vielleicht verschiebst du Rückmeldungen, bis ein Problem bereits dringend geworden ist.

Wähle für den Beginn eine solche Situation aus. Beschreibe, was du dort künftig anders tun möchtest und woran die Veränderung erkennbar wäre.

Ein Lernziel für die Führungspraxis formulieren

Ein fiktives Beispiel aus einer Forschungsgruppe: Eine neue Gruppenleitung möchte Aufgaben klarer übergeben. Ihr Lernziel lautet, bei jeder relevanten Übergabe Ergebnis, Entscheidungsspielraum und Zeitpunkt für Rückfragen ausdrücklich zu vereinbaren.

Der Beitrag zum Wechsel vom Experten zur Führungskraft zeigt, welche Aufgaben mit der neuen Rolle hinzukommen. Daran kannst du deine Lernziele ausrichten.

Woran ist dein Lernziel im Arbeitsalltag erkennbar?

Könnte eine beteiligte Person nach dem Gespräch konkret beschreiben, welches Verhalten von dir sich verändert hat?

Wenn dein Ziel nur als innere Absicht formuliert ist, ergänze eine sichtbare Handlung. „Mehr vertrauen“ könnte beispielsweise bedeuten, vor einer eigenen Lösung zuerst nach dem Vorschlag der verantwortlichen Person zu fragen.

Im Training an einer realistischen Situation üben

Bring eine anonymisierte Situation aus deiner Arbeit mit. Je genauer du Auftrag, Beteiligte und Schwierigkeit beschreibst, desto gezielter kann die Übung werden. Persönliche oder vertrauliche Details brauchst du dafür häufig nicht.

Rückmeldung auf das vereinbarte Verhalten beziehen

Bitte bei einer Gesprächsübung um Feedback zu deinem konkreten Lernziel. Im Beispiel der Aufgabenübergabe könnte die beobachtende Person prüfen, ob Ergebnis und Spielraum tatsächlich verständlich wurden.

Eine hilfreiche Rückmeldung benennt eine Stelle im Gespräch und deren Wirkung. „Beim Termin war klar, was du erwartest; beim Entscheidungsspielraum blieb ich unsicher“ lässt sich direkt bearbeiten. Anschließend kannst du dieselbe Passage erneut versuchen und die beiden Varianten vergleichen.

Plane schon während des Trainings, bei welcher nächsten Gelegenheit du das Verhalten anwenden wirst. Warte damit möglichst nicht, bis der normale Arbeitsalltag wieder alle Aufmerksamkeit beansprucht.

Nach dem Training Anwendung und Auswertung verbinden

Für den ersten Versuch eignen sich überschaubare Situationen mit vertretbaren Folgen. Eine belastete Konfliktsituation ist als erste Übung möglicherweise zu anspruchsvoll. Suche einen Anlass, bei dem du dich auf das neue Verhalten konzentrieren kannst.

Einen kleinen Transferplan festhalten

FrageBeispiel für eine Aufgabenübergabe
Wo wende ich das Gelernte an?Bei der Vorbereitung des nächsten Projektberichts
Was tue ich konkret?Ergebnis, Entscheidungsspielraum und Rückfragen besprechen
Wer gibt Rückmeldung?Die Person, die den Bericht übernimmt
Wann werte ich den Versuch aus?Nach dem ersten vereinbarten Zwischenstand

Notiere anschließend, was du tatsächlich getan hast, wie dein Gegenüber reagierte und welche Frage offenblieb. Ein misslungener Versuch kann hilfreiche Informationen liefern. Vielleicht war die Formulierung unklar; vielleicht fehlte schlicht die Befugnis, selbstständig zu entscheiden.

Diese Unterscheidung verhindert, dass jedes Problem als individuelles Lernversagen behandelt wird. Manche Hindernisse verlangen eine Veränderung des Auftrags oder der Arbeitsorganisation.

Auch deine eigene Führungskraft kann dabei einen Beitrag leisten. Besprecht, welche Anwendung du erproben möchtest und welche Zeit dafür vorgesehen ist. Vielleicht braucht es eine kurze Vorbereitung vor einem Gespräch oder Gelegenheit zur Nachbesprechung. Solche Vereinbarungen machen deutlich, dass die Umsetzung des Gelernten zum Arbeitsauftrag gehört und bei der Planung berücksichtigt werden soll.

Ist bereits die reguläre Arbeit kaum zu bewältigen, braucht es zuerst eine Klärung von Arbeitsbelastung und Prioritäten. Auch Lernzeit gehört in diese Kapazitätsplanung.

Transfercoaching für schwierige Anwendungssituationen nutzen

Ein begleitendes Coaching kann dort ansetzen, wo ein Lernziel im Alltag wiederholt schwer umzusetzen ist. Du bringst eine konkrete Situation mit und untersuchst, was zwischen Vorsatz und Handlung passiert ist.

Vielleicht weißt du, wie du Verantwortung übergeben möchtest, greifst unter Zeitdruck aber sofort selbst ein. Im Coaching lassen sich die Befürchtungen hinter diesem Verhalten prüfen und ein kleinerer nächster Versuch vorbereiten. Die konkrete Wirkung sollte anschließend an deiner Arbeitssituation beurteilt werden.

Vertraulichkeit und Programmziele abstimmen

Wenn eine Institution das Coaching finanziert, sollten Ziele und Rückmeldungen vor Beginn vereinbart werden. Welche Entwicklungsziele sind gemeinsam bekannt? Welche Gesprächsinhalte bleiben vertraulich? Welche Informationen erhält die Personalentwicklung?

Ein klarer Rahmen ermöglicht persönliche Reflexion und eine angemessene Rückmeldung zum Programm. Individuelle Gesprächsinhalte sollten dabei nicht ungefragt zum Material für eine Leistungsbeurteilung werden.

Führungskräftetraining anhand der Anwendung beurteilen

Ein positiver Seminarfragebogen zeigt, wie Teilnehmende das Angebot erlebt haben. Ergänzend lohnt sich die Frage, welches Verhalten später tatsächlich angewendet wurde. Vereinbare dafür einen realistischen Zeitpunkt und wenige passende Beobachtungen.

Im Beispiel könnte geprüft werden, ob Aufgabenübergaben klarer beschrieben werden und ob Beteiligte den Entscheidungsspielraum kennen. Berücksichtige auch Veränderungen im Umfeld. Ein kleiner Vergleich ohne Kontrollgruppe kann Fortschritte sichtbar machen, aber die Ursache nicht zweifelsfrei dem Training zuordnen.

Wenn du ein Lernziel aus deinem Führungskräftetraining in die Praxis übersetzen möchtest, können wir im Führungskräftecoaching an einer konkreten Anwendungssituation arbeiten. Bring dafür einen bevorstehenden Anlass mit: Ein Gespräch, eine Aufgabenübergabe oder eine Entscheidung, die du bewusster gestalten möchtest.