Der Förderantrag ist dringend, die Lehre steht fest, und eine betreute Person braucht Unterstützung. Für die eigene Forschung bleibt der Abend. In einem solchen Alltag kann jede Aufgabe für sich sinnvoll sein. Die Summe passt trotzdem nicht in die verfügbare Zeit.

Überlastung in der Wissenschaft lässt sich deshalb nur verstehen, wenn persönliche Arbeitsweisen und organisatorische Bedingungen gemeinsam betrachtet werden. Grenzen zu setzen beginnt damit, diese Bedingungen sichtbar zu machen.

Wie diese Fragen mit Karriere und Führungsverantwortung zusammenhängen, ordnet der Leitartikel zu Coaching in der Wissenschaft ein. Hier steht die konkrete Abstimmung von Aufgaben und verfügbarer Zeit im Mittelpunkt.

Arbeitsbelastung in Forschung und Beruf: Zwei aktuelle Befunde

Im österreichischen OSH Pulse 2025 berichteten 45 Prozent der befragten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von massivem Zeitdruck oder Arbeitsüberlastung. Für Österreich wurden zwischen 31. März und 14. April 2025 insgesamt 1.005 Interviews geführt. Das Ergebnis betrifft die Arbeitswelt insgesamt, nicht speziell Hochschulen. [1]

Ein näherer Blick auf die Forschung kommt aus dem 2025 veröffentlichten Max Planck PostdocNet Survey Report 2024: 19 Prozent der Antwortenden gaben an, mehr als 50 Stunden pro Woche zu arbeiten. Die Gesamterhebung umfasste 872 Postdocs; befragt wurde von Juni bis August 2024. [2]

Die Studien unterscheiden sich in Population und Fragestellung. Aus der freiwilligen Postdoc-Befragung lässt sich keine Quote für alle Forschenden ableiten. Beide Ergebnisse geben jedoch Anlass, Zeitbedarf und verfügbare Kapazität ausdrücklich zu prüfen. Lange Arbeitszeiten erklären für sich allein weder ihre Ursachen noch den Gesundheitszustand einer Person.

Überlastung in der Wissenschaft konkret erfassen

Wenn du sagst, dass alles zu viel ist, beschreibst du eine wichtige Erfahrung. Für eine Veränderung brauchst du zusätzlich ein genaueres Bild. Welche Aufgaben beanspruchen wie viel Zeit? Welche Fristen sind tatsächlich festgelegt? Welche Tätigkeiten werden nebenbei erwartet, ohne in der Planung vorzukommen?

Erfasse für eine normale Arbeitswoche Forschung, Lehre, Betreuung, Führung und Administration. Rechne Vor- und Nachbereitung mit ein. Auch Rückfragen, Abstimmungen und Einarbeitung sind Arbeit.

Die Lücke zwischen Auftrag und Kapazität beschreiben

Vergleiche diese Aufgaben mit der tatsächlich verfügbaren Arbeitszeit. Eine illustrative Rechnung könnte lauten: Für Lehre und Betreuung sind bereits große Teile der Woche gebunden, während ein Antrag zusätzliche konzentrierte Arbeit verlangt. Diese Lücke muss durch weniger Umfang, andere Termine oder zusätzliche Unterstützung bearbeitet werden.

Prüffrage zur Arbeitsüberlastung

Welche Aufgabe könnte heute nur deshalb als erledigbar gelten, weil du stillschweigend Abend- oder Wochenendarbeit dafür einplanst?

Die Frage hilft, unsichtbare Zusatzarbeit zu erkennen. Sie ist kein Vorwurf, wenn du bisher so gearbeitet hast. Vielleicht war es unter den gegebenen Bedingungen dein einziger kurzfristig gangbarer Weg.

Überlastung ansprechen: Das Gespräch über Prioritäten vorbereiten

Ein wirksames Gespräch über Grenzen verbindet Belastung mit konkreten Aufgaben und Folgen. „Ich schaffe das nicht mehr“ sollte ernst genommen werden. Für die gemeinsame Planung hilft zusätzlich eine nachvollziehbare Entscheidungsvorlage.

Du könntest etwa formulieren:

„In dieser Woche sind Lehrveranstaltung, Betreuung und Antragsüberarbeitung bereits eingeplant. Für die zusätzliche Auswertung fehlt Zeit. Wir können deren Umfang reduzieren, den Termin verschieben oder eine andere Aufgabe abgeben. Welche Priorität gilt?“

Prioritäten dort klären, wo die Verantwortung liegt

Wenn verschiedene Personen Aufträge erteilen, solltest du deren Zielkonflikt nicht dauerhaft allein lösen müssen. Bitte um eine abgestimmte Priorisierung. Halte fest, welche Aufgabe Vorrang hat und was dadurch später oder in kleinerem Umfang erfolgt.

Gerade in Projekten brauchst du dafür Vereinbarungen über Zuständigkeiten und Entscheidungswege. Der Beitrag zum Führen ohne Weisungsbefugnis zeigt, wie du solche Absprachen vorbereiten kannst.

Bleibt eine Entscheidung aus, dokumentiere sachlich die offene Frage und die absehbaren Folgen. Bei anhaltenden Schwierigkeiten können je nach Einrichtung Personalentwicklung, Personalvertretung oder eine zuständige Beratungsstelle beim weiteren Vorgehen unterstützen.

Forschung, Lehre und Führung bewusst begrenzen

Nicht jede Aufgabe braucht denselben Bearbeitungstiefgang. Bei wissenschaftlicher Qualität, Sicherheit und guter Betreuung gibt es Anforderungen, die du nicht beliebig absenken kannst. Andere Tätigkeiten lassen sich möglicherweise vereinfachen oder anders organisieren.

Prüfe beispielsweise, ob ein regelmäßiger Termin eine klare Entscheidung vorbereitet, ob Unterlagen mehrfach erstellt werden und ob dieselbe Person immer wieder zusätzliche Koordination übernimmt. Solche Abläufe lassen sich gemeinsam verändern.

Zusatzaufgaben begrenzen: Den nötigen Umfang vereinbaren

Wenn du eine neue Aufgabe übernimmst, bespreche den erwarteten Umfang. Soll eine Veranstaltung eine erste Orientierung bieten oder ein ausgearbeitetes Curriculum? Wird eine kurze Stellungnahme gebraucht oder eine vollständige Analyse?

Diese Klärung ist besonders hilfreich, wenn dein eigener Qualitätsanspruch dazu führt, jede Aufgabe umfassender zu bearbeiten als vereinbart. Du kannst sorgfältig arbeiten und zugleich den notwendigen Umfang mit den Auftraggebenden abstimmen.

Selbstführung für Führungskräfte: Die eigenen Muster erkennen

Manche Grenzen sind organisatorisch klar, fühlen sich innerlich aber schwer an. Vielleicht möchtest du als verlässlich gelten, fürchtest Nachteile oder hast gelernt, deinen Wert über Leistung zu bestimmen. Dann reicht ein Zeitplan allein oft nicht aus.

Beobachte eine konkrete Situation, in der du einer Zusatzaufgabe sofort zustimmst. Was befürchtest du, wenn du zunächst Bedenkzeit erbittest? Welche Reaktion deines Gegenübers erwartest du? Welche dieser Annahmen hast du bereits überprüft?

Zusatzaufgaben prüfen, bevor du zusagst

Ein erster Versuch kann sein, vor neuen Zusagen kurz auf die laufenden Verpflichtungen zu schauen. Ein einfacher Satz genügt: „Ich prüfe meine bestehenden Termine und melde mich morgen mit einer realistischen Zusage.“

So entsteht Raum für eine Entscheidung. Anschließend kannst du beobachten, ob deine Befürchtung eingetreten ist und ob deine Zusage besser zur tatsächlichen Kapazität passt. Bei starken Abhängigkeiten oder negativen Reaktionen brauchst du möglicherweise zusätzliche Unterstützung für dieses Vorgehen.

Als Führungskraft die Belastung des Teams mitdenken

Wenn du selbst führst, beeinflussen deine Prioritäten auch die Arbeitsbedingungen anderer. Frage deshalb nicht nur nach Fortschritt, sondern auch nach konkurrierenden Aufgaben. Kläre, welche Erwartungen mit einer Nachricht am Abend verbunden sind und welche Reaktionszeiten im Team gelten.

Achte darauf, Zusatzarbeit nicht automatisch an die zuverlässigsten Personen zu vergeben. Besprecht die Verteilung von Betreuung, Organisation und Administration. Diese Beiträge sollten in der Kapazitätsplanung sichtbar sein.

Coaching bei Überlastung: Handlungsmöglichkeiten prüfen

Im Coaching können wir deine Verpflichtungen sortieren, wiederkehrende Zustimmungsmuster untersuchen und ein Gespräch über Prioritäten vorbereiten. Organisatorische Ressourcenentscheidungen bleiben dabei Aufgabe der zuständigen Stellen.

Wenn Belastung mit anhaltenden gesundheitlichen Beschwerden einhergeht, ist zusätzlich eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung sinnvoll. Coaching kann eine solche Versorgung nicht ersetzen.

Für ein Gespräch über deine berufliche Situation brauchst du noch keinen fertigen Lösungsplan. Als Vorbereitung genügt eine konkrete Woche aus deinem Kalender: Was war vereinbart, was kam hinzu, und welche Entscheidung hätte Entlastung ermöglicht?